Cremestreifen auf Haut
Wenn die Haut dünner wird, zählt Pflege doppelt. iStock / Mariya Borisova

Dermatosen

Die Haut hat Vorrang

Von A wie Akne bis Z wie Zornesfalte: Hautprobleme umfassen eine breite Palette von Beschwerden. Allein mehr als 2.000 Hautkrankheiten sind bekannt. Zum Glück sind die meisten selten, jedoch nicht alle. Was sie jedoch vereint, ist der oftmals große Leidensdruck der Betroffenen, der auch durch die Unwissenheit der meisten Mitmenschen entsteht. Das soll sich ändern – etwa durch die neue WHO-Resolution.

Nadine Effert
· 2025
Erschienen in

Hautnah

am 19. November 2025 in „Brigitte“
Ob US-Reality-Star Kim Kardashian, die auf Instagram ein Video vom jüngsten Schub ihrer Psoriasis postet, oder „Sex and the City“-Darstellerin Cynthia Nixon, die sich nach ihrer Rosazea-Diagnose international für Aufklärung engagierte – beides sorgt für...

Die Haut ist unser größtes Organ: Bei Erwachsenen kommt die schützende Hülle des Körpers auf eine Fläche von rund zwei Quadratmetern. Würden wir uns wie eine Schlange häuten und das Überbleibsel auf eine Waage legen, würde diese ganze 10 bis 14 Kilogramm anzeigen. Beeindruckend sind aber auch die vielseitigen Aufgaben der Haut: Sie schützt den Organismus vor Keimen, Austrocknung und Sonneneinstrahlung und reguliert den Temperatur- und Feuchtigkeitshaushalt des Köpers. Trotzdem behandeln wir unsere Haut oft stiefmütterlich: Wir setzen sie ungeschützt UV-Strahlung aus, erhöhen damit das Risiko für Hautkrebs und fördern eine frühzeitige Alterung. Wir pflegen sie gar nicht, zu viel oder falsch. Und wir vergessen gerne, wie wichtig eine gesunde Ernährung für ihre Gesundheit und Funktionalität ist. Die Strafe folgt prompt: Heutzutage leidet beinahe jeder zweite Erwachsene unter Hautproblemen – von Unreinheiten über Trockenheit bis hin zu Altersflecken.

Haut altert

Apropos: Ob man will oder nicht, die Alterung der Organe, so auch der Haut, ist ein Prozess, der genetisch programmiert ist. Was passiert dabei mit unserer Körperhülle? Dazu ein Blick auf die Lederhaut: Diese Hautschicht besteht primär aus Bindegewebszellen, den sogenannten Fibroblasten, und Bindegewebsfasern aus Kollagen und Elastin. Sie machen die Haut prall, den Teint frisch. Im Alter jedoch sinkt deren Anzahl. Zudem teilen sich die Zellen der Oberhaut nur noch alle 50 statt, wie in jungen Jahren, alle 27 Tage. Die Haut und das Unterhautfettgewebe werden dünner, der Wasser- und Fettgehalt nimmt ab. Auch die Versorgung der Haut mit Nährstoffen geht zurück. Spätestens ab 40 braucht die Haut Unterstützung durch besondere Pflegestoffe. Damit allein ist es aber nicht getan: Dass die Haut an Elastizität und Spannkraft verliert und Falten sowie Pigmentstörungen auftauchen, dafür sind nämlich auch externe Faktoren wie beispielsweise UV-Strahlung und Umweltverschmutzung sowie Lebensstilfaktoren wie Stress, Rauchen und Ernährung mitverantwortlich. Übrigens alles Faktoren, die auch bei vielen Hautkrankheiten eine Rolle spielen können. 

Frau, die sich mit der linken Hand über die geschädigte Haut an der rechten Hand streicht
Hinter Veränderungen der Haut können schwere Krankheiten stecken. Bild: iStock / Irina Esau

Immer mehr Betroffene

Laut einer aktuellen Statista-Umfrage leben zehn Prozent der deutschen Bevölkerung mit einer chronischen Hautkrankheit. „In Deutschland und Mitteleuropa sind entzündliche Hauterkrankungen wie die Schuppenflechte und die Neurodermitis besonders häufig – auch die Zahl der Hautkrebserkrankungen ist hoch“, sagt Prof. Dr. Michael Tronnier, Chefarzt der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und Leiter des Onkologischen Zentrums am Helios Klinikum Hildesheim. Vor allem in tropischen Ländern sei hingegen, aufgrund eines anderen Erregerspektrums, die Anzahl der infektiösen Hauterkrankungen deutlich höher. 

Fachleute gehen von einer Zunahme bei den Hautkrankheiten, auch Dermatosen genannt, aus – bedingt durch eine Kombination aus Klimawandel, veränderten Lebensweisen und dem demografischen Wandel. Nicht nur Hautkrebsfälle steigen deutlich an, auch chronische Hauterkrankungen werden häufiger, was zu einer Zunahme an stationären Behandlungen und Berufskrankheiten führt. Schon heute werden die meisten Anzeigen auf Verdacht einer Berufskrankheit zu Hauterkrankungen gestellt, zum Beispiel von Friseuren oder Gärtnerinnen. Dass zum Beispiel immer mehr Menschen in Deutschland die Diagnose Neurodermitis, einer unheilbaren Hautkrankheit, bei der sich stark juckende Ekzeme auf der Haut bilden, erhalten, zeigt eine Analyse ambulanter Arztdaten des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung: Innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl der Betroffenen bundesweit von rund 3,6 Millionen auf knapp 3,8 Millionen. „Die Ursachen dafür müssen eingehender untersucht werden, um auslösenden Faktoren nach Möglichkeit besser im Vorfeld begegnen zu können. Denn die Erkrankung schränkt die Betroffenen häufig stark in ihrer Lebensqualität ein“, sagt Prof. Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER.

 

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Vielfältige Symptome und Ursachen

Pusteln, Rötungen, Quaddeln, Papeln – häufig verbunden mit Juckreiz, Brennen oder Schmerzen: Bei vielen Hautkrankheiten kommt es zu Veränderungen der Haut, die mit Beschwerden verbunden sind. Was auf den ersten Blick ausschließlich nach einem Nachteil klingt, hat auch einen Vorteil gegenüber anderen Organen: „Die menschliche Haut als Hülle unseres Körpers ist natürlich für jeden gut zu sehen, sodass wir krankhafte Veränderungen einfach wahrnehmen und erkennen können", so der Hildesheimer Chefarzt Tronnier. So vielfältig Hauterkrankungen in Erscheinung treten können, so zahlreich sind auch die zugrunde liegenden Auslöser. Zu ihnen zählen sowohl endogene als auch exogene Ursachen, darunter eine genetische Veranlagung, Infektionen, Fehlregulationen des Immunsystems, Allergien und Unverträglichkeiten, Tumoren sowie physikalische und chemische Reizungen. Grundsätzlich gibt es bei Hautkrankheiten immer ein komplexes Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren.

Dermatosen: Einfluss auf die Lebensqualität 

Fakt ist: Ein Großteil der akuten und chronischen Hautkrankheiten ist für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld belastend, einige – wie das Stevens-Johnson-Syndrom – sind lebensbedrohlich, bei vielen Erkrankten ist die Lebensqualität andauernd sehr einschränkt. Sie leidet auch, weil Hautkrankheiten bei Mitmenschen häufig ein ablehnendes Verhalten auslösen. Die Folgen: Stigmatisierung, Diskriminierung, emotionales Leid. Ansteckend oder aufgrund mangelnder Hygiene: Wie sehr Menschen in Deutschland mit Vorurteilen gegenüber Hauterkrankungen behaftet sind, hat ein Forscherteam um Dr. Rachel Sommer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) untersucht. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfragen sprechen eine klare Sprache: So wollten mehr als die Hälfte der Befragten Menschen, die etwa an Psoriasis leiden, nicht die Hand geben. Ähnlich viele dachten, dass sich Menschen mit Schuppenflechte besser pflegen müssten.

Aus diesem Verhalten des Umfelds heraus entsteht oft zusätzlich eine Selbststigmatisierung. „Selbststigmatisierung entwickelt sich immer auf Basis dessen, was Menschen glauben, wie die Welt auf sie reagiert“, erklärt Sommer. Diese Annahme werde dann verinnerlicht, und es komme in der Folge zur Selbstverurteilung: Betroffene Menschen schämen sich und leiden darunter. Angststörungen und depressive Symptome können die Konsequenz sein, so die Forscherin.

Bessere Versorgung

Werden Anzeichen von Hauptproblemen und -erkrankungen erkannt und richtig gedeutet, lässt sich eine Vielzahl von ihnen früh und erfolgreich behandeln – vor allem durch eine ganzheitliche Betrachtung und die Entwicklung neuer Medikamente für schwere Hautkrankheiten, etwa Biologika, die sehr spezifisch ins Immunsystem eingreifen. Dennoch sind viele weit verbreitete Hautkrankheiten (noch) nicht heilbar und somit ein lebenslanger Begleiter der Betroffenen. Nicht nur der Bedarf an medizinischer Versorgung bleibt in Zukunft hoch, auch der an Aufklärung und Forschung. Nicht ohne Grund haben im Mai 2025 alle WHO-Mitgliedsstaaten mit der Resolution „Skin diseases as a global public health priority“ die Priorität von Hautkrankheiten in der Gesundheitsversorgung auf die internationale und nationale politische Agenda gesetzt. Gut so, denn Resolutionen beispielsweise zu Psoriasis oder zu „vernachlässigten tropischen Erkrankungen“ waren in der Vergangenheit die entscheidenden Instrumente, dass sich etwas getan hat – etwa in Deutschland mit dem weltweit größten Programm zur besseren Versorgung von Menschen mit Psoriasis. „Gerade die Erfahrungen mit der Psoriasis-Resolution lassen uns optimistisch in die nächsten Monate schauen“, meint Prof. Dr. med. Swen Malte John, Leiter der Abteilung Dermatologie der Universität Osnabrück und Mitglied des WHO-Komitees International League of Dermatological Societies (ILDS). „Wir werden gezielt auf die Akteure im Gesundheitswesen zugehen, um Projekte und Maßnahmen für eine bessere Versorgung von Menschen mit Hauterkrankungen zu initiieren.“ Hierzu zählen: der weitere Abbau der Stigmatisierung, ein besserer Zugang zu einer leitliniengerechten Versorgung, eine Verbesserung der Versorgung von schwer Hautkranken und eine stärkere Patientenorientierung. Gute Aussichten für die Millionen von Betroffenen – in Deutschland und weltweit.