Frau testet Glukosespiegel mit kontinuierlichem Glukosemonitor und Auslesung per App

Diabetes-Prävention

Das eigene Risiko im Blick

Diabetes mellitus: eine Volkskrankheit auf dem Vormarsch. Der Typ-2-Diabetes und seine Folgeerkrankungen gehören zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Was es braucht: mehr Prävention, mehr Aufklärung, mehr Wissen – auch über den Stellenwert von Technologien und Digitalisierung im Rahmen einer modernen Therapie.

Nadine Effert
· 2025
Erschienen in

Diabetes

am 14. November 2025 in „Die Welt“
Heute, am 14. November, ist Weltdiabetestag. Seit 1991 macht er mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen auf die zunehmende Verbreitung der chronischen Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus aufmerksam. Dies ist gegenwärtig mehr als nötig. Denn die Zahl an Betroffenen ist in den...

Jedes Jahr im Oktober wird er verliehen: der Nobelpreis. Für Medizin ging die Auszeichnung in diesem Jahr an Dr. Mary E. Brunkow, Dr. Fred Ramsdell und Prof. Shimon Sakaguchi für ihre grundlegenden Entdeckungen zur sogenannten peripheren Immuntoleranz. Genauer geht es um regulatorische T-Zellen, die wie eine Wachmannschaft andere Immunzellen überwachen und dafür sorgen, dass das Immunsystem körpereigene Zellen nicht attackiert. Ein Gen namens FOXP3 spielt dabei eine Schlüsselrolle. Und was hat das mit Diabetes zu tun? Beim Typ 1 greift das Immunsystem fälschlicherweise Insulin produzierende Zellen an. Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Stoffwechsel reguliert. Die Forschenden schufen die Basis für Therapien, mit denen die Immunreaktion des Körpers in Zukunft kontrolliert werden könnte – mit dem Ziel, unter anderem Autoimmunkrankheiten wie den Typ-1-Diabetes gezielter behandeln oder sogar heilen zu können. Allein in Deutschland würden aktuell 32.000 Kinder und Jugendliche sowie 340.000 Erwachsene davon profitieren.

Prävalenz steigt

Weitaus häufiger vorkommend ist der Diabetes Typ 2, der vornehmlich aufgrund lebensstilassoziierter Risikofaktoren wie Übergewicht auftritt. Er gehört zu den häufigsten nicht übertragbaren Erkrankungen in Deutschland: 9,1 Millionen Menschen leben laut den Zahlen des „Deutschen Gesundheitsberichts Diabetes 2025“ mit der chronischen Stoffwechselerkrankung, jedes Jahr kommen rund 500.000 neu hinzu – Tendenz steigend, was der höheren Lebenserwartung und dem zunehmend ungesunden Lebensstil geschuldet ist. Das Durchschnittsalter bei Diagnose lag zuletzt bei 61,7 Jahren. Wobei die Bezeichnung „Altersdiabetes“ nicht mehr zutrifft, auch bei jungen Menschen wird die chronisch gestörte Regulation des Insulinspiegels immer öfter festgestellt. „Die Prävalenz von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen steigt – auch in Deutschland“, bestätigt Professor Dr. med. Karsten Müssig, Tagungspräsident der Diabetes Herbsttagung 2025 und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg der Niels-Stensen-Kliniken. „Ein früher Beginn bedeutet eine längere Krankheitsdauer, mehr Belastung und ein höheres Risiko für Komplikationen bereits im jungen Erwachsenenalter.“ Früh ansetzende Präventionsmaßnahmen und Aufklärung seien elementar, um diesem „besorgniserregenden Trend“ entgegenzuwirken.

 

Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat einen Prädiabetes.

Späte Diagnose mit Folgen

Mehr Aufklärung braucht es auch in Sachen Früherkennung, denn Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens zwei Millionen Menschen in Deutschland nichts von ihrer Diabetes-Erkrankung wissen. Der Grund: Die Stoffwechselerkrankung verläuft schleichend und bleibt häufig lange unerkannt. Diese Unwissenheit erhöht das Risiko schwerer Komplikationen und eines frühen Todes erheblich, da die Diagnose oft erst erfolgt, wenn bereits Schäden an etwa Nieren, Nerven und Augen vorliegen. Die diabetische Retinopathie zum Beispiel ist die häufigste Ursache für neue Erblindungsfälle bei Erwachsenen im Alter von 20 bis 74 Jahren in Industrieländern. Auch das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen in den Füßen, Stichwort Diabetisches Fußsyndrom (DSF), steigt. Wie kommt es dazu? Diabetes schädigt die Gefäße, indem hoher Blutzucker langfristig die kleinen und großen Blutgefäße verengt und die Entstehung von Arteriosklerose beschleunigt.

„Folgeerkrankungen beim Diabetes sind real, und Menschen mit Diabetes werden durch ihr Umfeld, die Medien oder das Praxisteam ständig daran erinnert, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen sollten“, erklärt Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, die im Sommer 2025 ihre zweite Social-Media-Kampagne zum Thema „Diabetes und Folgeerkrankungen“ gestartet hat. „Das ruft oft Angst bei den Menschen mit Diabetes hervor und lähmt sie, die Kontrolluntersuchungen regelmäßig wahrzunehmen. Wir möchten dies ändern, denn Wissen hilft, immer die bestmögliche Lebensqualität zu genießen und nicht in Schockstarre zu verfallen.“ Das Gute sei, dass sich Folgeerkrankungen oft vermeiden, verzögern oder zumindest gut behandeln lassen, wenn sie rechtzeitig therapiert werden.

Blutzuckermessgerät mit Früchten und Müsli im Hintergrund
Bild: iStock / Getty Images Plus / simpson33

Risiko einschätzen

Eine rechtzeitige Behandlung setzt eine frühe Diagnose voraus. Ein Ansatzpunkt ist, Menschen mit einem erhöhten Diabetes-Risiko früh zu erkennen sowie Menschen mit einem Prädiabetes, den laut Robert Koch-Institut (RKI) jede fünfte erwachsene Person hat, gezielt zu behandeln, bevor sie einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Wie hoch das eigene Risiko ist, in den nächsten zehn Jahren an Diabetes zu erkranken, lässt sich ganz einfach anhand weniger, additiv wirkender Routineparameter wie Nüchternblutzucker, Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index (BMI) ermitteln, heißt es in der im September 2025 im Fachjournal „JAMA Network Open“ publizierten Rochester-Epidemiology-Project-Studie. Die Untersuchungen von fast 45.000 US-amerikanischen Erwachsenen zeigte, dass bereits Nüchternblutzuckerwerte im oberen Normbereich das Diabetes-Risiko erhöhten. Kombinierte sich dieser Befund mit Übergewicht, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit. „Das eröffnet Chancen für eine wirksame Prävention“, betont Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). „Wir können betroffene Menschen früher identifizieren und mit ihnen über Veränderungen im Lebensstil sprechen – etwa zu Ernährung, Bewegung und Gewichtskontrolle.“ Tipp: Mit dem DIfE – Deutscher Diabetes-Risiko-Test® des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) können Erwachsene online (drs.dife.de) ihr Diabetes-Risiko ermitteln und erhalten Handlungsempfehlungen, um das eigene Risiko zu senken.

Diabetes-Prävention vorantreiben

Das A und O ist ein gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen und gesunden Ernährung, viel Bewegung, dem Verzicht auf Zigaretten, keinem oder einem möglichst geringen Alkoholkonsum, ausreichend Schlaf und einem guten Stressmanagement. Bezüglich der beeinflussbaren krankheitsübergreifenden Risikofaktoren besteht ein hohes Präventionspotenzial. „Es wird derzeit viel und gern über Prävention gesprochen, aber die Politik zieht noch immer die falschen Schlüsse: Es reicht nicht aus, an die Eigenverantwortung zu appellieren und auf Aufklärung oder Bildungsangebote zu setzen“, sagt Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der DDG. „Wir brauchen verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen, die die gesunde Wahl für Bürgerinnen und Bürger zur einfachen Wahl machen – unabhängig von Herkunft, Bildungsgrad oder Geldbeutel.“ Laut einer Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) begrüßen über 9 von 10 Menschen die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel, fast 9 von 10 sprechen sich für strengere Werbeschranken zum Schutz von Kindern aus, 79 Prozent befürworten eine Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke.

Frau mit kontinuierlichem Blutzuckermessgerät spritzt sich Insulin
Vor allem Menschen mit Typ-1-Diabetes sind auf ihn angewiesen: Über einen Pen gelangt das benötigte Insulin in die Blutbahn. Bild: iStock / monkeybusinessimages

Moderne Technologien

Trotz der besseren Behandlungserfolge bleibt die Beeinträchtigung durch Diabetes hoch. Menschen mit Diabetes leben länger als früher, verbringen dadurch aber mehr Lebenszeit mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Unabhängig vom Diabetes-Typ setzen derzeitige Therapien die Fähigkeit und Bereitschaft zum kontinuierlichen Selbstmanagement voraus. Vielen Betroffenen eröffnen moderne Technologien wie kontinuierliche Echtzeit-Zuckermessgeräte (rtCGM) oder automatisierte Insulinpumpen in Kombination mit einem rtCGM-Gerät (sogenannte Automated-Insulin-Delivery-Systeme – AID) neue Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben. Technische Innovationen und die fortschreitende Digitalisierung bieten den Betroffenen eine individualisierte Therapiemöglichkeit je nach Lebenssituation.

Eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag von Dexcom zeigt: Die Mehrheit der Deutschen sieht darüber hinaus großes Potenzial in den CGM-Systemen zur Verbesserung des Lebensstils. 70 Prozent der Teilnehmenden können sich grundsätzlich vorstellen, einen Sensor zur Zuckermessung einmal auszuprobieren – nicht nur, um den eigenen Körper besser zu verstehen (52 Prozent), sondern auch als Motivation für mehr Bewegung (56 Prozent) oder bewussteres Essen (69 Prozent). Fast jede vierte Person gibt an, dass ein Sensor dabei helfen könnte, das eigene Gewicht zu halten oder abzunehmen. Für die korrekte Anwendung von Diabetes-Technologien und den daraus gewonnenen Daten seien intensive Schulungen und Beratungen unumgänglich, meint Dr. med. Sandra Schlüter, niedergelassene Diabetologin aus Northeim und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Technologie“ (AGDT): „Technik ist nicht unfehlbar und kann ausfallen oder fehlerbehaftet sein. Für insulinbehandelte Menschen mit Diabetes ist es wichtig, sie zu verstehen, richtig einzusetzen, die korrekten Rückschlüsse für therapeutische Konsequenzen zu ziehen und im Notfall auch ohne sie ihre Selbsttherapie durchführen zu können.“ Dennoch steckt viel Potenzial in Neuentwicklungen: So können zum Beispiel smarte CGM-Sensoren nicht nur helfen, Zuckerwerte in Echtzeit zu verstehen, sondern auch zu mehr Bewegung und gesünderem Essen motivieren – neben neuen Erkenntnissen aus der Diabetes-Forschung eine wichtige zusätzliche Unterstützung, vor allem mit Blick auf die zunehmende Verbreitung von Diabetes Typ 2.

Schon gewusst?
  • Aktuell haben in Deutschland mindestens 9,1 Millionen Menschen einen Typ-2-Diabetes, darunter < 1.000 Betroffene, die jünger als 20 Jahre alt sind.
  • Rund 32.000 Kinder und Jugendliche sowie 340.000 Erwachsene haben einen Typ-1-Diabetes.
  • Pro Jahr treten 450.000 Neuerkrankungen an Typ-2-Diabetes auf. Die Inzidenzrate sank bis 2019 bei Frauen um 2,4 Prozent und bei Männern um 1,7 Prozent jährlich. Bei 20- bis 39-Jährigen stiegen die Neuerkrankungen bis 2019 jährlich.
  • Die kardiovaskuläre Mortalität ist bei Menschen mit Diabetes in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken. Krebserkrankungen sind für einen größeren Anteil der Todesfälle verantwortlich als Gefäßerkrankungen.

Quelle: „Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2025“, Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe