Jedes Jahr im Oktober wird er verliehen: der Nobelpreis. Für Medizin ging die Auszeichnung in diesem Jahr an Dr. Mary E. Brunkow, Dr. Fred Ramsdell und Prof. Shimon Sakaguchi für ihre grundlegenden Entdeckungen zur sogenannten peripheren Immuntoleranz. Genauer geht es um regulatorische T-Zellen, die wie eine Wachmannschaft andere Immunzellen überwachen und dafür sorgen, dass das Immunsystem körpereigene Zellen nicht attackiert. Ein Gen namens FOXP3 spielt dabei eine Schlüsselrolle. Und was hat das mit Diabetes zu tun? Beim Typ 1 greift das Immunsystem fälschlicherweise Insulin produzierende Zellen an. Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Stoffwechsel reguliert. Die Forschenden schufen die Basis für Therapien, mit denen die Immunreaktion des Körpers in Zukunft kontrolliert werden könnte – mit dem Ziel, unter anderem Autoimmunkrankheiten wie den Typ-1-Diabetes gezielter behandeln oder sogar heilen zu können. Allein in Deutschland würden aktuell 32.000 Kinder und Jugendliche sowie 340.000 Erwachsene davon profitieren.
Prävalenz steigt
Weitaus häufiger vorkommend ist der Diabetes Typ 2, der vornehmlich aufgrund lebensstilassoziierter Risikofaktoren wie Übergewicht auftritt. Er gehört zu den häufigsten nicht übertragbaren Erkrankungen in Deutschland: 9,1 Millionen Menschen leben laut den Zahlen des „Deutschen Gesundheitsberichts Diabetes 2025“ mit der chronischen Stoffwechselerkrankung, jedes Jahr kommen rund 500.000 neu hinzu – Tendenz steigend, was der höheren Lebenserwartung und dem zunehmend ungesunden Lebensstil geschuldet ist. Das Durchschnittsalter bei Diagnose lag zuletzt bei 61,7 Jahren. Wobei die Bezeichnung „Altersdiabetes“ nicht mehr zutrifft, auch bei jungen Menschen wird die chronisch gestörte Regulation des Insulinspiegels immer öfter festgestellt. „Die Prävalenz von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen steigt – auch in Deutschland“, bestätigt Professor Dr. med. Karsten Müssig, Tagungspräsident der Diabetes Herbsttagung 2025 und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie am Franziskus-Hospital Harderberg der Niels-Stensen-Kliniken. „Ein früher Beginn bedeutet eine längere Krankheitsdauer, mehr Belastung und ein höheres Risiko für Komplikationen bereits im jungen Erwachsenenalter.“ Früh ansetzende Präventionsmaßnahmen und Aufklärung seien elementar, um diesem „besorgniserregenden Trend“ entgegenzuwirken.
Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat einen Prädiabetes.
Späte Diagnose mit Folgen
Mehr Aufklärung braucht es auch in Sachen Früherkennung, denn Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens zwei Millionen Menschen in Deutschland nichts von ihrer Diabetes-Erkrankung wissen. Der Grund: Die Stoffwechselerkrankung verläuft schleichend und bleibt häufig lange unerkannt. Diese Unwissenheit erhöht das Risiko schwerer Komplikationen und eines frühen Todes erheblich, da die Diagnose oft erst erfolgt, wenn bereits Schäden an etwa Nieren, Nerven und Augen vorliegen. Die diabetische Retinopathie zum Beispiel ist die häufigste Ursache für neue Erblindungsfälle bei Erwachsenen im Alter von 20 bis 74 Jahren in Industrieländern. Auch das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen in den Füßen, Stichwort Diabetisches Fußsyndrom (DSF), steigt. Wie kommt es dazu? Diabetes schädigt die Gefäße, indem hoher Blutzucker langfristig die kleinen und großen Blutgefäße verengt und die Entstehung von Arteriosklerose beschleunigt.
„Folgeerkrankungen beim Diabetes sind real, und Menschen mit Diabetes werden durch ihr Umfeld, die Medien oder das Praxisteam ständig daran erinnert, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen sollten“, erklärt Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, die im Sommer 2025 ihre zweite Social-Media-Kampagne zum Thema „Diabetes und Folgeerkrankungen“ gestartet hat. „Das ruft oft Angst bei den Menschen mit Diabetes hervor und lähmt sie, die Kontrolluntersuchungen regelmäßig wahrzunehmen. Wir möchten dies ändern, denn Wissen hilft, immer die bestmögliche Lebensqualität zu genießen und nicht in Schockstarre zu verfallen.“ Das Gute sei, dass sich Folgeerkrankungen oft vermeiden, verzögern oder zumindest gut behandeln lassen, wenn sie rechtzeitig therapiert werden.