Dr. Singh, welche Ursachen führen zu einem diabetischen Makulaödem, kurz DMÖ?
Bei Menschen mit Diabetes mellitus, sei es Typ 1 oder Typ 2, kann es langfristig zu Schädigungen der Blutgefäße kommen, wodurch Nervengewebe unterversorgt und damit auch geschädigt werden. Was viele Betroffene nicht wissen: Auch das Auge beziehungsweise dessen feinste Blutgefäße, die Kapillaren, können durch den hohen und schwankenden Blutzuckerspiegel in Mitleidenschaft gezogen werden. Neben einem schlecht eingestellten Blutzucker gehört auch eine bereits länger bestehende Diabeteserkrankung zu den wichtigsten Risikofaktoren. Ein erhöhter Blutdruck begünstigt zudem ein DMÖ.
Was genau passiert im Auge? Und welche Folgen kann die Erkrankung haben?
Durch die Schädigung in den Gefäßwänden wird die Netzhaut nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Der Körper setzt daraufhin Entzündungsreaktionen in Gang, bei denen verschiedene Botenstoffe, sprich Zytokine, freigesetzt werden, etwa verschiedene Interleu-kine und allen voran der Vascular Endothelial Growth Factor, kurz VEGF. Dieser Faktor regt die Neubildung von Blutgefäßen an und erhöht zusammen mit anderen Faktoren die Durchlässigkeit der Blutgefäße.
Die Folge: Flüssigkeit tritt aus und sammelt sich in der Netzhaut an, Sehzellen werden geschädigt. Man nennt diese krankhafte Veränderung diabetische Retinopathie. Eine mögliche Folge dieser diabetischen Netzhauterkrankung ist ein DMÖ, bei dem es durch die Flüssigkeitsansammlungen zum Anschwellen im Bereich der Makula, dem „Ort des schärfsten Sehens“ kommt, was unbehandelt innerhalb von wenigen Jahren zur Erblindung führen kann.
Dementsprechend früh sollte im Idealfall eine diabetische Netzhauterkrankung diagnostiziert werden. Gibt es denn verdächtige Anzeichen?
Nicht wirklich, da diabetische Netzhauterkrankungen, wie auch das DMÖ, in der Regel schleichend verlaufen und sich erst im fortgeschrittenen Stadium manifestieren, etwa durch verschwommenes Sehen. Daher gilt: Menschen mit Diabetes sollten grundsätzlich regelmäßig, das heißt alle zwölf Monate, ihre Augen auf Schädigungen der Gefäße oder andere krankhafte Veränderungen untersuchen lassen. Bei Patientinnen und Patienten mit diagnostizierter diabetischer Retinopathie ist eine engmaschigere Kontrolle ratsam.
In diesem Fall kommen andere diagnostische Verfahren zum Einsatz ...
Richtig, zum einen die Fluoreszenzangiographie, kurz FAG, bei der die Gefäße mithilfe der Injektion eines farbigen Kontrastmittels dargestellt werden. Diese Untersuchung kann die Diagnose DMÖ sicherstellen. Zum anderen die optische Kohärenztomographie, kurz OCT. Dieses nicht invasive Verfahren liefert einen schichtweisen Scan der Netzhaut in außergewöhnlicher Auflösung mit mikroskopisch kleinen Details.
Falls die Diagnose DMÖ lautet, welche unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung, um die Sehkraft zu verbessern respektive zu erhalten?
Standard war über lange Zeit die Laserbehandlung, bei der unversorgtes Netzhautgewebe verödet wurde, wodurch auch ein Rückgang der Schwellung erreicht wurde. Heutzutage erfolgt die Behandlung nach vorheriger Abklärung immer häufiger mittels Medikamente, die in das Auge eingebracht werden – in Form des Wachstumshemmers Anti-VEGF oder langwirksamen Kortikosteroiden. Anti-VEGF werden dabei wiederholt – alle vier bis sechs Wochen bei schrittweiser Verlängerung der Abstände – direkt mit einer sehr feinen Nadel injiziert und verhindern die Neubildung kranker Blutgefäße. Zeigt diese Behandlung keine Verbesserung, erfolgt in der Regel ein Wechsel auf die Steroide.
Wie werden Kortikosteroide verabreicht?
Kortikosteroide senken Entzündungswerte und sie werden durch ein kleines Implantat, das in das betäubte Auge eingesetzt wird, langsam freigesetzt. Je nach Implantat hält die Wirkung zwischen einigen Monaten oder bis zu drei Jahren an. Die Behandlung ist allgemein nicht sehr schmerzhaft, es entsteht lediglich ein leichtes Druckgefühl bei der Verabreichung. Injektionsbedingte Komplikationen sind bei korrekter Durchführung selten. Der behandelnde Arzt klärt den Patienten vor einer solchen Behandlung über mögliche Komplikationen und deren Management auf.
Was passiert nach der Behandlung?
DMÖ ist eine chronische Erkrankung und begleitet Betroffene lebenslang. Auch nach der Behandlung sind somit kontinuierliche Nachkontrollen und Behandlung das A und O, um nicht reversible Schäden und letztlich eine Erblindung zu vermeiden. Die konsequente Einhaltung der Augenarzttermine ist zweifelsohne für viele Betroffene, insbesondere wenn sie noch erwerbstätig sind, eine große Herausforderung. Die Behandlung mit Kortikosteroiden kann für viele Patienten eine Reduktion an Injektionen bedeuten, schließlich müssen Menschen mit Diabetes ohnehin viele Arzttermine zur Behandlung der Grunderkrankung und anderen möglichen Begleit- und Folgeerkrankungen wahrnehmen. Dennoch gilt: Nachkontrollen und Therapietreue sind unabdingbar, möchte man seine Sehkraft denn erhalten.