Diese Frage hört man immer häufiger: „Trinken wir alle zu viel?“ Und angesichts der Empfehlungen der WHO ist sie durchaus berechtigt, schließlich gibt diese als tägliche Höchstdosis etwa 0,3 Liter Bier für Frauen und 0,6 Liter für Männer an. Doch auch wenn ein Großteil der Bevölkerung Alkohol – de facto ein Nervengift – häufig überdosiert, wäre es falsch, in jedem Fall von einem Alkoholiker zu sprechen. Typisches Merkmal eines Abhängigkeitsverhaltens ist vielmehr ein körperliches Verlangen nach einem Glas Wein oder Bier. Wer bereits kurz nach dem Aufwachen ans Trinken denkt oder körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern, Herzrasen oder Schwitzen verspürt, die erst mit dem Konsum von Alkohol nachlassen, sollte diese Warnsignale nicht ignorieren.
Alkoholismus: Größere Gefahr für Frauen
Grundsätzlich sorgt Alkohol dafür, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Trinkt man regelmäßig, lässt dieser Effekt immer mehr nach; der Alkohol dient schließlich nur noch dazu, negative Gefühle zu lindern. Ein Entzug führt bei Suchtkranken neben den körperlichen Entzugserscheinungen zu gravierenden psychischen Problemen wie Depressionen oder erhöhter Reizbarkeit, die der Grund dafür sind, warum so viele Menschen im Kreislauf der Sucht gefangen sind. Frauen sind dabei mittlerweile genauso häufig betroffen wie Männer; bei ihnen kann die Sucht aufgrund der körperlichen Veranlagung sogar noch problematischer sein, da sie ein höheres Risiko für Herz- und Gehirnschäden haben. Und auch das Brustkrebsrisiko steigt bei übermäßigem Alkoholkonsum. Diese Gefahren werden mittlerweile durch zahlreiche Studien belegt – die neueste wurde vom Translational Health Economics Network in Paris durchgeführt und kommt zu dem Schluss, dass regelmäßiger Alkoholmissbrauch das Risiko für alle Demenzformen bei Männern und Frauen ungefähr verdreifacht. Doch solch rationale Überlegungen spielen bei Suchtkranken keine Rolle mehr.
Entgiftung plus Therapie
Um das Risiko einzudämmen, raten Experten zu Gegenmaßnahmen wie Werbeverboten und höheren Steuern. Die wichtigsten Faktoren sind jedoch die Einsicht der Betroffenen und die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen. Zur Suchtbekämpfung ist dann zunächst die körperliche Entgiftung notwendig, gefolgt von Therapie. Relativ neu sind Maßnahmen wie die Neuro-Elektrische Stimulation. Sie regt das Gehirn dazu an, die Glücksbotenstoffe auszuschütten, die der Suchtkranke nicht mehr selbst produzieren kann. So werden Entzugssymptome gelindert, der Patient verspürt schneller keinen Suchtdruck mehr. Die Methode stellt keinen Ersatz für die Therapie dar, kann aber dazu beitragen, dass diese erfolgreicher verläuft.
Austausch mit Betroffenen
Da es sich bei Alkoholismus um eine chronische Erkrankung handelt, bei der auch nach Jahren der Abstinenz Rückfälle sehr verbreitet sind, ist es für Betroffene wichtig, sich auch nach der stationären Behandlung weiter mit der eigenen Veranlagung auseinanderzusetzen. Hilfreich kann dabei der regelmäßige Besuch von Selbsthilfegruppen sein, da der Austausch mit anderen Suchtkranken dabei hilft, sich zu stabilisieren und hinsichtlich der Erkrankung achtsam zu bleiben.