Frau Dr. Röbl-Mathieu, welche Auswirkungen hat die Alterung des Immunsystems auf die Gesundheit von Frauen?
Das höhere Lebensalter ist mit einer allmählichen Abnahme der immunologischen Kompetenz verbunden, was als Immunoseneszenz bezeichnet wird. Das ist ein komplexer Prozess, der mehr einer Umstrukturierung mit qualitativen Veränderungen von Teilen des Immunsystems entspricht als einer generellen Abnahme aller Immunfunktionen. Im Falle von Infektionen steigt das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf.
Was kann da präventiv helfen?
Gerade im höheren Lebensalter kann ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichender körperlicher Aktivität und Interesse am sozialen Austausch zumindest unspezifisch verschiedene körperliche und mentale Funktionen unterstützen und das Immunsystem stärken. Wichtig ist es, durch die von der STIKO empfohlenen Impfungen auch für eine spezifische Immunabwehr gefährlicher Krankheitserreger zu sorgen.
Welche Impfungen sind laut STIKO-Impfkalender relevant?
Ich empfehle, Impflücken insbesondere vor und im gebärfähigen Alter so früh wie möglich zu schließen. Bis zum 18. Lebensjahr sollte ein Basisimpfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Poliomyelitis, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Hepatitis B, Meningokokken B und C sowie HPV bestehen. Danach ist es sinnvoll, an Auffrischungsimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten zu denken. Ab dem 60. Lebensjahr werden die jährliche Impfung gegen saisonale Influenza und COVID-19 empfohlen, außerdem Impfungen gegen Pneumokokken, Gürtelrose und gegebenenfalls gegen RSV. Bei chronischen Erkrankungen mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe von Infektionskrankheiten ist ein ausreichender Impfschutz in jedem Lebensalter wichtig.
Welche Komplikationen kann Gürtelrose mit sich bringen?
Typisch ist ein brennender Schmerz, später erscheinen meist halbseitig und bandartig angeordnete Bläschen an Rumpf und Brustkorb, aber auch im Bereich des Kopfes. Ernste Komplikationen können bei Befall von Hirnnerven entstehen, zum Beispiel bei Gürtelrose am Auge. Die häufigste Komplikation des Herpes zoster ist die postherpetische Neuralgie. Das sind anhaltende Nervenschmerzen, die nach Abheilen der typischen Hautbläschen in der betroffenen Region auftreten.
Warum steigt gerade im Alter das Risiko dafür?
Herpes zoster entsteht durch eine Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus, das beim Erstkontakt zu Windpocken führt und nach durchgemachter Krankheit in den Nervenzellen verbleibt. Da im höheren Alter die T-Zellspezifische Immunität nachlässt, steigt das Risiko für eine Gürtelrose an. Personen mit einem geschwächten Immunsystem – etwa durch eine Tumortherapie – und Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko, an Herpes zoster zu erkranken. Für diese Risikogruppen wird die Gürtelroseimpfung bereits ab 50 empfohlen.
Eine ganz aktuelle Studie zeigt, dass Impfen gegen Herpes zoster sogar vor Demenz schützen kann …
Ein Zusammenhang zwischen Infektionen durch Herpesviren und der Entstehung von Demenzerkrankungen wird in der Forschung schon länger diskutiert. Aktuelle Beobachtungsstudien, in denen elektronische Patientenakten ausgewertet wurden, zeigten nun einen Rückgang der Demenzerkrankungen unter den Geimpften, wobei der Effekt bei Frauen stärker war als bei Männern.