Reparieren statt vorsorgen – so lautet bei vielen Männern die Devise in puncto Gesundheit. Männer haben eher den Ruf des Arztpraxis- und Vorsor-ge-Muffels, schließlich zählt krank sein nicht unbedingt zu den Attributen, mit denen das starke Geschlecht sich gerne schmückt. „Männer bringen lieber ihr Auto zum TÜV, als dass sie selbst einen Gesundheits-Check machen“, stellte Prof. Herbert Rebscher, DAK-Chef bis 2016, schon vor Jahren fest.
Da scheint es nicht verwunderlich, dass die Krankenkassen beim Thema Prävention und Vorsorge ihr Augenmerk stärker auf die Frauen legen. Schließlich fallen entsprechende Angebote hier auf fruchtbaren Boden. So gehen denn auch Frauen deutlich häufiger zur Krebsvorsorge in die Arztpraxen. So lag ihr Anteil 2020 und 2021 bei allen Krebsvorsorgeuntersuchungen von DAK-Versicherten fast konstant bei rund 60 Prozent. Bei den Männern waren es 40 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Sonderanalyse der DAK-Gesundheit für die ersten Halbjahre 2019, 2020 und 2021.
Männer und ihre Gesundheit: Geringere Lebenserwartung
Doch woher kommt der geschlechterspezifische Unterschied? Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Eine Vermutung: Für die meisten Frauen ist Gesundheit gleichbedeutend mit Wohlbefinden, wohingegen Männer Gesundheit mit Funktionsfähigkeit gleichsetzen. Ärztlichen Rat einzuholen ist wie ein Eingeständnis, nicht mehr richtig zu funktionieren. Für viele Männer scheinbar einfach uncool. Dabei kann diese Einstellung wertvolle, gesunde Lebenszeit kosten. In Deutschland liegt aktuell die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern mit 78,5 Jahren ungefähr fünf Jahre unter jener von Frauen, die im Schnitt 83,4 Jahre alt werden. Diese Lücke ließe sich laut Fachleuten mit Initiativen zur Verbesserung der Männergesundheit schließen.
Die Stiftung Männergesundheit definiert diese so: „Männergesundheit umfasst diejenigen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit, die insbesondere für Männer und Jungen relevant sind.“ Beispiel: HIV/Aids. Die Mehrheit der gemeldeten HIV-Fälle betrifft Männer: Ihr Anteil liegt praktisch unverändert bei rund 80 Prozent. Verheerender: Tausende wissen nichts von ihrer Infektion, weswegen immer noch rund 900 Menschen pro Jahr an Aids oder einem schweren Immundefekt erkranken – obwohl dies durch einen frühzeitigen HIV-Test vermeidbar wäre und es moderne HIV-Medikamente gibt, mit denen die Vermehrung des HI-Virus im Blut verhindert werden kann, bis es nicht mehr nachweisbar ist. Das Virus ist dann sexuell auch nicht mehr übertragbar. Oder Beispiel Prostatakarzinom. An der häufigsten Krebsart des Mannes erkranken nach Angaben des Robert Koch-Instituts bundesweit jährlich etwa 63.400 Männer. Wird der Tumor frühzeitig entdeckt und behandelt, ist Prostatakrebs heilbar.
Risikofaktoren im Blick
Viele Leiden wie Krebs, aber auch Herz-Kreislauf-Krankheiten sind dem Alter geschuldet, aber auch der Lebensstil hat einen enormen Einfluss auf das persönliche Erkrankungsrisiko – und beim Gesundheitsverhalten hapert es oft. „Männer achten nach wie vor im Alltag insgesamt weniger auf den eigenen Gesundheitszustand als Frauen: Sie trinken mehr Alkohol, ernähren sich ungesünder, nehmen weniger an Angeboten zur Gesundheitsförderung teil und gehen seltener zum Arzt. Trotzdem ist für Männer ihre Gesundheit im Alltag kaum ein Thema, solange sie keine Beschwerden verspüren“, bestätigt der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze, in einem Statement anlässlich des diesjährigen Welt-Männer-Tags am 3. November. „Ich möchte die Männer daher dazu aufrufen, sich stärker mit ihrer Gesundheit und ihren persönlichen gesundheitlichen Risiken auseinanderzusetzen und diese ernst zu nehmen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, müssten Männer für das Thema Gesundheit sensibilisiert werden, damit sie zukünftig mehr über Informations- und Präventionsangebote sowie mögliche Früherkennungsuntersuchungen wissen und selbstbestimmt entscheiden können, welche Angebote für sie infrage kommen.
Mit Tabus brechen
Sei es aus Scham, Unwissenheit, Antriebslosigkeit oder aufgrund von Zugangsbarrieren – der Besuch einer Arztpraxis gehört selbst bei gesundheitsbewussten Männern nicht unbedingt zu den Lieblingsbeschäftigungen – vor allem wenn es um Intimes geht. Da werden selbst die eloquentesten Zeitgenossen einsilbig. Einige typisch männliche Gesundheitsthemen sind auch heute noch mit Scham besetzt. Nämlich dann, wenn es um die Geschlechtsorgane, andere „intime Probleme“ oder das Sexualleben geht. Statt „darüber“ offen zu sprechen, nehmen viele Männer ihre Beschwerden hin oder reden sie klein. Dabei dürfen Betroffene nicht vergessen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. So leidet zum Beispiel jeder dritte deutsche Mann über 60 unter Erektionsstörungen, die meist leicht zu behandeln sind. Daher gilt im Bereich Gesundheit grundsätzlich: Reden ist Gold – denn Schweigen bringt gar nichts.