Forscher und Forscherin im Labor

Neurologische Erkrankungen

Früherkennung rückt in den Fokus

Mit fast 50 Millionen Betroffenen in Deutschland stellen neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz oder Migräne eine große Herausforderung für die Gesellschaft dar. Sie sind führende Ursache für Krankheit und Behinderung weltweit. Das Gute: Die Forschung läuft auf Hochtouren und bedient sich dabei verstärkt innovativer Technologien.

Nadine Effert
Von Nadine Effert und Redaktion Wissensportal
· 2025

Mit Blick auf die Statistik zur Häufigkeit von Erkrankungen des Nervensystems steht fest: Die Versorgungsstrukturen müssen ausgebaut und die Forschung gestärkt werden – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Einer im März 2024 im Fachblatt „The Lancet Neurology“ veröffentlichten US-Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) zufolge nahm die Zahl derartiger Erkrankungen in den vergangenen drei Jahrzehnten um 59 Prozent zu – Tendenz steigend. Denn die Lebenserwartung wird höher und mit ihr das Risiko für insbesondere neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, für die der Schwund von Nervenzellen im Gehirn charakteristisch ist.

Erschienen in

Nervensache

am 18. September 2025 in „WELT“
Wer oder was ist Ihnen zuletzt auf die Nerven gegangen? Vielleicht die unfreundliche Kollegin im Meeting, die lange Wartezeit in einer Service-Hotline oder der verspätete Zug? Verständlich, aber zum Glück nur ein vorübergehendes situationsbedingtes Ärgernis. Wenn jedoch...

Alterndes Gehirn

Der Frage, warum unser Denkorgan im Alter anfälliger wird, sind jüngst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des Scripps Research Institute in Kalifornien, USA, nachgegangen. Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass winzige Moleküle, sogenannte microRNAs (miRNAs), entscheidend bei Herstellung und Abbau bestimmter Proteine im Gehirn, die mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung stehen, beteiligt sind. Welche der miRNAs konkret, das wollen die Forschenden nun herausfinden. „Wir möchten mit diesen Untersuchungen mögliche Therapieansätze finden, um neurodegenerative Hirnerkrankungen frühzeitig zu erkennen und diese schneller behandeln oder vielleicht sogar verhindern zu können“, sagt Dr. Eugenio F. Fornasiero, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Neuro- und Sinnesphysiologie der UMG.

 

KI kann ein Gamechanger bei der Früherkennung sein.

 

Auswirkungen auf Lebensqualität

Neurologische Erkrankungen, die in jedem Alter auftreten können, sind komplex und umfassen nicht nur Störungen des Gehirns, sondern auch des Rückenmarks sowie der peripheren Nerven. Als Ursache kommen beispielsweise Genmutationen, Verletzungen, Gefäßerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Infektionen oder Tumorerkrankungen infrage. Entsprechend den vielfältigen Körperfunktionen, die das Nervensystem steuert, können die Beschwerden sehr unterschiedlich sein und reichen von Schmerzen über Funktionsstörungen der Sinnesorgane oder Muskelapparats bis hin zu Beeinträchtigung des Bewusstseins und des Schlafs sowie psychiatrischen Symptomen.

Die Auswirkungen auf die Betroffenen sind teils immens: Mehr als weltweit 443 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre gingen laut IHMEStudie in den letzten 30 Jahren auf das Konto von Erkrankungen des Nervensystems – ein Anstieg um 18 Prozent. Die Rangliste führen Schlaganfälle an: Sie raubten der Menschheit 160 Millionen Jahre gesunder Lebenszeit. In Deutschland erleiden laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Ein Jahr nach dem Ereignis bleiben rund 60 Prozent der Betroffenen auf Therapie, Hilfsmittel oder Pflege angewiesen.

„Neurologische Erkrankungen verursachen großes Leid für die betroffenen Menschen und Familien und berauben Gesellschaften und Volkswirtschaften ihres Humankapitals“, gibt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus zu bedenken. Man müsse dringend dafür sorgen, den Zugang zu qualitativ hochwertiger Pflege, Behandlung und Rehabilitation zu gewährleisten. Es gelte, die Hirngesundheit von Kindheit an mehr in den Fokus zu rücken.

Digitale Checklisten
iStock/Pakin Jarerndee

Innovative Prävention

Prävention lautet das Stichwort – und auch der aktuelle Appell der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Wenn wir wissen, dass bis zu 90 Prozent aller Schlaganfälle auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen sind, die Fallzahlen steigen und gleichzeitig die medizinische Versorgung personell wie budgetär an ihre Grenzen stößt, ist Prävention eine effektive Stellschraube“, bestätigt DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg. Die wichtigste Stellschraube sei dabei die personalisierte Prävention mithilfe neuester Frühdiagnostik und KI-basierter Technologien. „Wir haben in der Neurologie viele Krankheiten mit Vorlaufphasen von vielen Jahren und sind zunehmend in der Lage, diese, lange bevor sie klinisch manifest werden, zu diagnostizieren. Darüber hinaus ermöglicht KI die Generierung von Tools zur präzisen persönlichen Risikoeinschätzung.“

KI: verbesserte Früherkennung

Grafik:  Diese Krankheiten fürchten die Deutschen am meisten

Beispiel Parkinson-Krankheit: Unter anderem haben Daten einer Studie aus Großbritannien gezeigt, dass am Handgelenk getragene Bewegungssensoren bis zu sieben Jahre vor der klinischen Diagnosestellung auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung hinweisen können. Auch die KI-gestützte Analyse gesprochener Sprache oder nächtlicher Atemmuster könnte die Früherkennung in Zukunft verbessern. „Stand heute hat KI für Parkinson-Patient:innen noch keine besondere Bedeutung. Ich sehe aber großes Potenzial, dass in einigen Jahren KI die frühe Diagnose und die individuellen Therapiemöglichkeiten bei Parkinson deutlich verbessert“, meint Prof. Dr. Joseph Claßen, erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG).

Mikroskop Nahaufnahme
iStock/ipopba

Chancen nutzen

Ob moderne bildgebende Verfahren, die zunehmende Erforschung des Gehirns, die Integration der Neurologie in die Notfallmedizin oder die Entwicklung wirksamer Medikamente – es hat sich bereits viel getan. Heilung ist nicht immer möglich, aber häufig können Symptome gelindert und der Alltag von Betroffenen erleichtert werden. Dabei helfen auch digitale Anwendungen wie Apps. Die dabei oft gleichzeitig erhobenen Daten kommen wiederum der Forschung zugute oder fließen direkt in den Behandlungsalltag ein. Durch die Digitalisierung konnten bereits die Versorgung, etwa die Akutversorgung im Krankenhaus, und die Nachsorge, etwa in Form von telemedizinischen Angeboten, erheblich verbessert werden. Und die neurologische Forschung ebnet weiterhin rund um den Globus den Weg für neue Therapiemöglichkeiten, eine verbesserte Diagnostik und neue Chancen in der Prävention – ob mit oder ohne KI.

Zahl zum Staunen

43 Prozent der Weltbevölkerung sind von Erkrankungen des Nervenapparats betroffen – das sind 3,4 Milliarden Menschen.