Wie wirken sich die motorischen Defizite, die auf einem Dopaminmangel in der für die Motorik und Koordination von Bewegungen verantwortlichen Hirnregion beruhen, auf die Betroffenen aus?
Im Alltag führen Bewegungsverlangsamung und Zittern zu einer Verringerung körperlicher und sozialer Aktivitäten. Sprechstörungen und eine veränderte Mimik können die Betroffenen zu einem Rückzug aus dem Freundes- und Bekanntenkreis veranlassen. Im weiteren Krankheitsverlauf erschweren Feinmotorikstörungen etwa das Anziehen und die Körperpflege. Gang- und Gleichgewichtsstörungen erhöhen die Sturzgefahr beim Gehen. Schluckstörungen können das Essen und Trinken beeinträchtigen.
Zu welchen Maßnahmen raten Sie Ihren Patientinnen und Patienten, um die Mobilität zu fördern und das Sturzrisiko zu senken?
Neben der individuell angepassten medikamentösen Dopamin-Ersatztherapie sind symptomspezifische aktivierende Therapien wie die Physiotherapie essenzieller Bestandteil der modernen Parkinson-Therapie – und zwar von Beginn an. Spezifische physiotherapeutische Strategien zur Verringerung des Sturzrisikos sind zum Beispiel das Erlernen von Cueing-Strategien, also bestimmte Stimuli zur Durchbrechung von Gangblockaden, oder das Training kompensatorischer Schutzschritte bei Sturzgefahr. Tai-Chi und speziell auf Parkinson ausgerichtete Sportangebote wie Tischtennis oder Boxen sind ebenso hilfreich. Auch wenn Parkinson-Patienten aufgrund fortgeschrittener Symptomkonstellationen eine medikamentöse Pumpentherapie oder eine Tiefe Hirnstimulation benötigen, bleiben die aktivierenden Therapien ein unverändert wichtiger Therapiebaustein.
Heutzutage gibt es speziell für Parkinson-Betroffene Unterstützung in Form von Apps. Sind die digitalen Helfer aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Tatsächlich stehen wir hier erst am Anfang einer Entwicklung, die aus meiner Sicht die Diagnostik und Therapie der Parkinson-Krankheit in den nächsten Jahren revolutionieren kann, gerade auch wenn man das bislang ungenutzte Potenzial künstlicher Intelligenz bedenkt. Allerdings tun wir uns in Deutschland noch schwer damit, Betroffenen und Angehörigen den Zugang zu solchen innovativen digitalen Technologien schon jetzt zu ermöglichen. Zu diesen Technologien zählen neben Apps auch Wearables, also tragbare Sensoren, die Symptome nicht nur sehr genau messen, sondern auch zur Behandlung verwendet werden können. Diese neuen Technologien ersetzen zwar nicht die herkömmliche Behandlung, können diese aber sinnvoll ergänzen und darunter noch unzureichend kontrollierte Symptome, wie etwa die als Freezing bezeichneten Gangblockaden, lindern. Multiprofessionelle Parkinson-Netzwerke sollen idealerweise Strukturen für den gezielten Einsatz solcher smarten Verfahren bereitstellen.
Welchen Beitrag leistet der im Jahr 2023 gegründete Verein Parkinson Netzwerke Deutschland, kurz PND?
Der PND unterstützt und stimuliert als Dachorganisation die Etablierung regionaler Parkinson-Netzwerkstrukturen – mit dem Ziel, Hürden in der spezifischen Versorgung von Menschen mit Parkinson wohnortnah zu überwinden. Aufgrund der Komplexität und des chronisch-fortschreitenden Verlaufs der Parkinson-Krankheit sind in die Versorgung von Menschen mit Parkinson mehr als 25 unterschiedliche Berufsgruppen involviert. Der PND will deutschlandweit unter anderem eine multiprofessionelle Kommunikation auf Augenhöhe und eine untereinander abgestimmte, patientenzentrierte Versorgung innerhalb der Netzwerke ermöglichen. Ich persönlich wünsche mir darüber hinaus in Deutschland insgesamt noch mehr Begeisterungsfähigkeit für die Entwicklung neuer Versorgungsmodelle.