Pflegekraft massiert Handgelenk einer älteren Patientin mit geschwollenen Gelenken

Rheuma

„Das Risiko für eine Gürtelrose und Komplikationen ist erhöht“

Die Gürtelrose gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Alter. Dennoch wird die schmerzhafte Nervenerkrankung oftmals unterschätzt. Warum Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen häufiger von einer Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus betroffen sind, das Risiko für einen schweren Verlauf bei ihnen erhöht ist und wie eine Impfung schützen kann, erklärt Professorin Dr. Uta Kiltz, Oberärztin des Rheumazentrums Ruhrgebiet.

Nadine Effert
· 2025
Erschienen in

Volkskrankheiten

am 1. Juli 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Ob Herz-Kreislauf-Krankheiten, Arthrose, Krebs oder Diabetes mellitus: Sogenannte Volkskrankheiten sind weit verbreitet und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Zudem stellt sich die Frage nach der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems und den Auswirkungen auf...
Warum ist es grundsätzlich wichtig für Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, sich impfen zu lassen?

Dazu müssen Sie sich die Rolle des Immunsystems bewusst machen. Es ist unter anderem dafür verantwortlich, den Körper vor Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern zu schützen. Wenn dieses Abwehrsystem zum Beispiel durch eine Grunderkrankung wie einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung geschwächt ist, steigt auch die Anfälligkeit für entsprechende Infektionserkrankungen. Zusätzlich wird die Immunabwehr durch die antirheumatische Therapie in Mitleidenschaft gezogen. Das Gute: Man kann sich durch Impfungen schützen.

Welche Impfungen empfehlen Sie Ihren Patientinnen und Patienten?

Ich richte mich nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission STIKO und deren Impfkalender sowie den Wagner-Empfehlungen zu Impfungen bei immununterdrückten Patienten. Neben den Standardimpfungen gehören auch Vakzinationen gegen Grippe, Lungenentzündung und Gürtelrose dazu.

Apropos Gürtelrose. Was steckt hinter dieser Erkrankung, deren Risiko für Menschen zum Beispiel mit einer rheumatischen Arthritis um das 1,5- bis 2-Fache erhöht ist?

Gürtelrose, medizinisch Herpes zoster, ist eine Erkrankung, die Jahre bis Jahrzehnte infolge einer Windpockenerkrankung auftreten kann – ausgelöst durch sogenannte Varizella-Zoster-Viren, die sich nach der Primärinfektion lebenslang in Nervenzellen, genauer gesagt in den Spinalganglien entlang des Rückenmarks, verstecken und unter bestimmten Umständen reaktiviert werden. Hauptrisikofaktor ist das Alter und die damit verbundenen schwächeren Abwehrkräfte, die es dem Immunsystem erschweren, das Virus in Schach halten zu können. Aber eben auch chronische Krankheiten und die Einnahme immunsuppressiver Medikamente können die Immunabwehr schwächen. 

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Woran erkenne ich eine Gürtelrose?

Typisches Symptom ist ein Hautausschlag in Form von stecknadelkopfgroßen Bläschen auf geröteter, geschwollener Haut – insbesondere im Bereich des Rumpfes oder im Gesicht. Auch möglich sind vorgeschaltete Missempfindungen an einer Hautpartie, die sich zuerst durch ein Jucken, Brennen oder sogar Schmerzen im später betroffenen Bereich bemerkbar machen. Bei diesen Anzeichen sollte umgehend eine Hausarztpraxis aufgesucht werden. Denn es gilt: Je früher eine Behandlung eingeleitet wird, desto geringer ist das Risiko für potenzielle Komplikationen.

Von welchen Komplikationen sprechen Sie?

Die am häufigsten auftretende Spätfolge ist die Post-Zoster-Neuralgie, kurz PZN. Dahinter verbergen sich massive Nervenschmerzen, die über Monate oder gar Jahre anhalten können, die Lebensqualität stark beeinträchtigen und deren Behandlung sich komplex gestaltet. Des Weiteren kann sich die Erkrankung unter anderem auf die Augen ausbreiten und dort Entzündungen hervorrufen. Angesichts dessen ist eine Prophylaxe in Form einer Impfung mehr als ratsam.

Die STIKO empfiehlt die Herpes-Zoster-Impfung für Menschen mit chronischen Erkrankungen ab 50 Jahren. Gehen Sie damit d’accord?

Ja, die Empfehlung basiert auf dem erhöhten Risiko von Rheuma-Patienten, an einer Zoster-Manifestation früher und schwerer zu erkranken als die gesunde Bevölkerung. Bei Rheuma-Patienten, jünger als 50 Jahre mit einem besonders hohen Risiko für eine Zoster-Manifestation, weiche ich aber in individuell begründeten Fällen von dieser Empfehlung durchaus ab. Der Impfstoff ist ab 18 Jahren zugelassen und kann daher in Einzelfällen zu einem früheren Zeitpunkt eingesetzt werden – etwa bei Menschen unter Therapie mit JAK-Inhibitoren oder Anifrolumab, da bei ihnen eine Gürtelrose und schwerere Verläufe häufiger vorkommen.

Schon gewusst?

Mehr als 95 Prozent der Menschen in Deutschland, die älter als 20 Jahre alt sind, tragen das Varizella-Zoster-Virus in sich. Bei jeder dritten Person wird das Virus aktiv und löst eine Gürtelrose aus. Nervenschmerzen als Spätfolge betreffen etwa zehn Prozent der an Gürtelrose erkrankten Menschen. 
Quelle: https://hirnstiftung.org/alle-erkrankungen/guertelrose/; letzter Zugriff: 16.06.2025

Wie lange hält der Impfschutz?

Wie lange der Impfschutz anhält, ist noch Gegenstand der Forschung. Man geht von einem jahrelangen Schutz aus. Die hohe Wirksamkeit des Zoster-Impfstoffes ist bereits in klinischen Studien bestätigt. Allerdings ist noch nicht ausreichend erforscht, wie die Immunantwort des Körpers nach der Impfung gegen Zoster bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem ausfällt, also wie lange ein Schutz gegen Gürtelrose bei Personen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung besteht. Dieser Frage gehen wir aktuell im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts nach. Erste Zwischenergebnisse zur Verträglichkeit, die ich auf dem Europäischen Rheumatologenkongress vorgestellt habe, zeigen keinen Anstieg der Nebenwirkungen und Schubrate nach einem Jahr ab Impfung der 150 Studienteilnehmenden. Die weiteren langfristigen Ergebnisse der Studie zur Wirksamkeit werden dabei helfen, Rheuma-Patienten den bestmöglichen Schutz gegen Herpes Zoster zu bieten.

Angenommen, ich hatte bereits eine Gürtelrose, ist eine Impfung dann überhaupt noch nötig?

Auf jeden Fall! Denn Fakt ist, dass man an einer Gürtelrose mehrfach erkranken kann. Patientinnen und Patienten erkranken ja, weil der Immunschutz abgenommen hat. Eine Impfung verbessert den Immunschutz wieder. Die Patienten sollten sich also dringend impfen lassen – dies ist sechs Monate nach Auftreten der Gürtelrose möglich.