Eigentlich sind Schmerzen besser als ihr Ruf: Sie weisen uns schließlich auf mögliche Krankheiten oder Verletzungen hin und erfüllen somit eine sinnvolle Funktion des Körpers. Akute Schmerzen verschwinden schnell wieder, oft von allein oder wenn die Ursache behoben worden ist. Ganz anders sieht die Situation bei anhaltenden Schmerzen aus. Ärzte sprechen von chronischem Schmerz, wenn er länger als drei Monate bleibt und Betroffene körperlich und psychisch beeinträchtigt. Viele Patienten gelten als behandlungsresistent, das heißt, ihnen kann nicht mit einfachen Schmerzmitteln geholfen werden. Bei ihnen hat sich bereits ein sogenanntes Schmerzgedächtnis im Nervensystem gebildet. Das Phänomen: Der Körper empfindet Schmerzen, auch wenn die Ursache abgeklungen ist. Die Chronifizierung macht die Behandlung schwierig, weswegen Ärzte stets zu einer schnellen fachmännischen Abklärung raten.
Schmerztherapie auf Umwegen
Laut Deutscher Schmerzliga und weiterern Fachorganisationen gelangen Patienten oft erst über Umwege an die richtige Behandlung. Es fehle an einer Vernetzung innerhalb der medizinischen Fachgebiete. Um die Versorgung von Schmerzpatienten in Deutschland grundsätzlich zu verbessern, wurde zum Beispiel das sogenannte PraxisRegister Schmerz eingerichtet – mit aktuell mehr als 250.000 erfassten Behandlungsfällen und rund einer Millionen Dokumentationen. Täglich kommen 160 bis 250 Fälle neu dazu. „Damit lassen sich nun endlich versorgungsrelevante epidemiologische Fragestellungen beantworten und Schlussfolgerungen zu notwendigen Veränderungen in den Versorgungsstrukturen ziehen“, sagt PD Dr. med. Michael A. Überall, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), in einer Pressemitteilung vom November. Von den erfassten Behandlungsfällen leiden mehr als die Hälfte der Patienten unter Rückenschmerzen, 16,8 Prozent unter Gelenkschmerzen und 9,3 Prozent unter Kopfschmerzen. Dabei gibt der Großteil der Patienten an, unter starken schmerzbedingten Funktionseinschränkungen zu leiden.
Neue Ansätze gefragt
Nicht ohne Grund wird an allen Ecken und Enden geforscht und entwickelt, um Schmerzpatienten ihre Pein zu nehmen. Sei es in Form neuer Medikamente, die zielgerichtet dem Schmerz an den Kragen gehen und mit weniger Nebenwirkungen einhergehen, einer ganzheitlichen Sichtweise, die multimodale Therapiekonzepte umfasst, oder in Form von alternativen Behandlungsformen. Brandaktuelles Beispiel: medizinischer Cannabis und CBD-Öle. Die wirksamen Inhaltsstoffe des Medizinalhanfes, der legal von Pharmaunternehmen hergestellt wird, machen vor allem Schwerkranken mit chronischen Schmerzen Hoffnung. Mit Inhaltsstoffen sind die sogenannten Cannabinoide gemeint, wie Cannabiodiol (CBD), die nach der oralen oder inhalativen Einnahme über den Blutkreislauf in das Zentrale Nervensystem gelangen. Dort docken sie an bestimmten Rezeptoren an, wodurch das Schmerzempfinden gedrosselt werden soll. Viele Studien, vor allem aus den USA, deuten auf großes Potenzial hin.
„Frostige“ Methoden zur Schmerzbehandlung
In Zukunft könnte Schmerzpatienten sogar auf eine futuristisch anmutende Weise geholfen werden: mit einem Blick in die Arktis, ohne selbst vor Ort zu sein. Klingt nach Humbug? Nicht, wenn es nach den Forschern des Imperial College London geht. Sie haben in einer vor Kurzem im Fachmagazin „Pain Report“ erschienenen Proof-of-Concept-Studie den Teilnehmern eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt, die sie mittels bewegter 360-Grad-Bilder durch die eisige Welt der Arktis führte. Zuvor wurde den Probanden eine schmerzverursachende Salbe auf die Haut am Bein aufgetragen. Das Schmerzempfinden ließ beim Betrachten von Eisbergen und Co. nach. Ein Effekt, der sich in der Kontrollgruppe, die lediglich äquivalente Standbilder betrachteten, nicht einstellte. „Unsere Arbeit deutet darauf hin, dass Virtual Reality die Prozesse im Gehirn, Hirnstamm und Rückenmark stört, die bekanntlich die Schlüsselbestandteile unserer eingebauten Schmerzbekämpfungssysteme sind und zur Regulierung der Ausbreitung einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit beitragen“, erklärt Dr. Sam Hughes. Um den tatsächlichen Nutzen der Methode zu überprüfen, sei allerdings weitere Forschung nötig.