Herr Professor Lang, was ist unter einer Sichelzellanämie zu verstehen?
Dahinter verbirgt sich eine erblich bedingte Erkrankung der roten Blutkörperchen. Bei der Sichelzellanämie wird ein nicht korrekt funktionierendes Hämoglobin gebildet. Dieses Hämoglobin führt dazu, dass die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, nicht mehr rund, sondern lang und spitz wie eine Sichel sind. Dies verändert die Funktion und Eigenschaften der Erythrozyten, sodass es zu einer Verstopfung von Blutgefäßen kommt. Es entstehen sogenannte Sichelzellkrisen.
Wie machen sich diese bemerkbar?
Durch Schmerzzustände, die durch kleine Organinfarkte zustande kommen. Diese Infarkte spielen sich vor allem in den Knochen ab, aber auch Herz, Gehirn und die Leber können betroffen sein. Letztlich führen diese kleinen wiederkehrenden Infarkte zum Funktionsverlust verschiedenster Köperteile. Häufige gesundheitliche Probleme von Patientinnen und Patienten mit Sichelzellkrankheit sind Gelbsucht, Wachstumsverzögerungen oder auch Schädigungen des körpereigenen Abwehrsystems.
Wie können Sie bei einem Verdacht die Diagnose sicherstellen?
Bereits im frühen Kindesalter kann man die Erkrankung diagnostizieren. Typisch neben möglichen bereits entstandenen Schmerzkrisen ist im Blutbild eine niedrige Anzahl an Erythrozyten. Die Diagnose kann durch eine Blutuntersuchung, die Hämoglobin-Elektrophorese, sichergestellt werden. Hierbei wird nach dem Sichelzell-Hämoglobin gesucht, was bei einem gesunden Menschen nicht vorhanden ist. Zudem kann man eine molekulare genetische Analyse durchführen.
Inwieweit unterscheidet sich dahingehend die TDT, eine der weltweit häufigsten genetisch bedingten Bluterkrankungen?
TDT, das für Transfusion-Dependent Beta Thalassemia steht, ist ebenso eine Erkrankung des Hämoglobins. Jedoch werden die darin enthaltenen sogenannten Betaketten zu wenig oder gar nicht gebildet, was zu einer unzureichenden Blutbildung führt. Auch hier sind die Erythrozyten vulnerabler. Sie platzen relativ schnell, sodass ein ständiger Transfusionsbedarf besteht, daher auch der Name. Da die Erythrozyten bei TDT eine normale Form haben, ist die Erkrankung nicht von Schmerzzuständen und Organinfarkten geprägt. Neben Müdigkeit, Muskelschwäche und Kurzatmigkeit kann es zu einer Vergrößerung von Leber und Milz sowie zu einer Verformung und Vergrößerung der Knochen kommen.
Markant für TDT ist eine sogenannte Eisenüberladung. Was heißt das?
Die Eisenüberladung ist das größte Problem. Dadurch, dass wir immer wieder Bluttransfusionen machen müssen, erhöht sich der Eisengehalt im Körper. Eine dauerhafte Eisenüberladung im Körper ist die Folge, was wiederum die Organe schädigt. Dadurch sinkt die Lebenserwartung der Menschen mit TDT beträchtlich – so wie bei der Sichelzellanämie.
Wie kann man die Erkrankung in den Griff bekommen?
Es gibt Medikamente, mit denen sich der Eisengehalt im Körper reduzieren lässt. Sogenannte Chelatoren, also Moleküle, können das Eisen binden und so eine Eisenüberladung verhindern. Allerdings ist damit eine komplette Heilung nicht zu erreichen. Anders durch die allogene Stammzelltransplantation: Hierbei werden das kranke Blut- und Immunsystem eines Patienten durch gesunde Blutstammzellen eines Spenders ersetzt.
Neben der allogenen Stammzelltransplantation gibt es ebenso die autologe Form ...
Ja, richtig. Hier verwenden wir die eigenen Stammzellen des Patienten, frieren diese ein und geben sie nach einer hochdosierten Chemotherapie wieder zurück. Wissen wir, welcher Gendefekt vorliegt, können wir diesen gentechnisch mit einer Art Gen-Schere verändern. Hierfür wird eine Gensequenz herausgeschnitten, um die Bildung von fetalem Hämoglobin im weiteren Lebensverlauf wieder zu ermöglichen. Dieses HbF wird normalerwiese nur in der Fetal- und Neugeborenenzeit gebildet. Wenn die Patienten durch die Gentherapie wieder HbF produzieren, können sie damit symptomfrei werden.
Gibt es schon Erfahrungswerte?
Die Erkenntnisse, die wir im Rahmen der Studie gewonnen haben, aber auch die Anwendungen in der Praxis sind positiv. Alle betroffenen Patienten haben eine Transfusionsunabhängigkeit erreicht. Wir hoffen, dass die Resultate in den kommenden Jahren stabil bleiben. Letztendlich müssen wir immer individuell unterscheiden, welche Form der Stammzelltransplantation die bessere Option darstellt. Die gute Nachricht jedoch ist: Beide Therapien bieten neue Chancen auf Heilung.
Woran muss weiter geforscht werden und was braucht es zudem, um beide Krankheiten noch besser behandeln zu können?
Was die Gentherapie betrifft, gilt es, weiter am Ball zu bleiben. Denn wenn es gelingt, die Chemotherapie so zu modifizieren, dass die Entfernung des Knochenmarks weniger toxisch wird, wäre das ein großer Gewinn.