Frau hält sich vor Schmerzen den Kopf - Illustration eines Gehirn-Schlaganfalls

Spastik

Erhöhte Muskelspannung mit Folgen

Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder multiple Sklerose: Neurologische Erkrankungen haben immer einschneidende Auswirkungen auf das weitere Leben der Betroffenen – bedingt etwa durch eine Spastik. Der durch eine Schädigung des Nervensystems erhöhte Muskeltonus ist nicht heilbar, aber individuell behandelbar.

MK
· 2025
Erschienen in

Nervensache

am 18. September 2025 in „WELT“
Wer oder was ist Ihnen zuletzt auf die Nerven gegangen? Vielleicht die unfreundliche Kollegin im Meeting, die lange Wartezeit in einer Service-Hotline oder der verspätete Zug? Verständlich, aber zum Glück nur ein vorübergehendes situationsbedingtes Ärgernis. Wenn jedoch...

Unwillkürliche Muskelkontraktionen in den Extremitäten, die sowohl in Ruhe als auch bei Bewegung auftreten können und zu Steifheit, Verkrampfungen und Schmerzen führen – so äußert sich eine Spastik, die sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten kann. Zum Beispiel infolge eines Schlaganfalls: In Deutschland erleiden jährlich etwa 270.000 Menschen diese bedrohliche Herz-Kreislauf-Erkrankung, bei der die Blutversorgung und die Sauerstoffversorgung zu einem Teil des Gehirns unterbrochen werden.

„Die erhöhte Muskelspannung setzt erst mit der Zeit ein – nach einem Schlaganfall etwa zunehmend in den ersten drei bis sechs Monaten“, weiß Prof. Dr. med. Thomas Platz, Leiter der Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR).

Laut Angaben der Deutschen Hirnstiftung leiden bis drei Monate nach dem Schlaganfall 27 Prozent aller Betroffenen an einer Spastik. Mehr als drei Monate danach sind es 43 Prozent. Längerfristig werden etwa zehn Prozent der Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten mit einer schweren Spastik konfrontiert.

Physiotherapeut mit behinderter Person
Bild: iStock / Getty Images Plus / 24K-Production

Schädigung motorischer Bahnen

Ein Schlaganfall ist die häufigste, jedoch nicht die einzige mögliche Ursache für Spastiken: Auch multiple Sklerose, ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Hirnschädigung nach Sauerstoffmangel oder degenerative Hirnerkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson kommen infrage. Allen Ursachen gemein ist, dass es zu Schädigungen des Zentralnervensystems (ZNS), sprich Gehirn- oder Rückenmarksregionen, kommt – mit der potenziellen Folgeerscheinung einer Spastik. Spastik ist somit keine Krankheit, sondern ein Symptom. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine körperliche Untersuchung, bei der neurologische Tests zur Beurteilung von Motorik, Muskelkraft und Koordination eingesetzt werden. Doch wie kommt es letztlich zu den spastischen Bewegungsstörungen? Durch die Schädigung im Gehirn oder Rückenmark fehlen Signale, welche die Muskeleigenreflexe hemmen. Diese Störung bewirkt, dass die Muskeln nicht mehr richtig angespannt und entspannt werden können, was zu Verkrampfungen und Bewegungseinschränkungen führt. Die Störung kann ebenfalls Lähmungen der Muskulatur mit sich ziehen, weshalb auch von einer spastischen Lähmung oder spastischen Parese gesprochen wird.

 

Die häufigste Ursache ist ein Schlaganfall.

Spastik: Einschränkungen variieren stark

Das Leben mit einer Spastik ist mit Einschränkungen verbunden. Einige Bewegungsabläufe klappen nicht mehr wie gewohnt und erschweren somit das Ausführen bestimmter Tätigkeiten oder machen sie mitunter unmöglich. Dabei kann es sich um alltägliche Aufgaben wie Körperhygiene, Zubereitung einer Mahlzeit oder auch das Anziehen handeln. Für Betroffene kann es darüber hinaus auch schwierig sein, ihre Arbeit im Beruf zu erledigen. Wie stark sich die Spastik auswirkt, ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt maßgeblich von der Lokalisierung und Ausprägung der Erkrankung ab. Die daraus resultierenden funktionellen Beeinträchtigungen können von einer nur geringfügigen Einschränkung der Bewegungsfreiheit bis hin zur völligen körperlichen Behinderung und starken Schmerzen variieren. Schmerzhafte Muskelkrämpfe sind dabei häufig auf eine verminderte Kontrolle der Nervenaktivität zurückzuführen.

Individualtherapeutische Entscheidung

Eine Spastik ist nicht heilbar, jedoch – gemäß der im Februar 2025 aktualisierten S2k-Leitlinie „Therapie des spastischen Syndroms“ – behandelbar. Wenngleich die Behandlung komplex ist und in der Regel einen langfristigen Therapieplan mit kombinierten Maßnahmen umfasst. „Das spastische Syndrom sollte behandelt werden, wenn es die Betroffenen in ihrem Alltag beeinträchtigt“, sagt Prof. Dr. Platz. Der Experte ist auch einer der beiden Koordinatoren der Leitlinie. „Welche Therapieform für Betroffene infrage kommt, ist je nach individuellem Fall unterschiedlich.“ Durch medizinische und physiotherapeutische Behandlungen können die spastischen Verkrampfungen in der Muskulatur in Teilen gelöst und Betroffenen zu neuer Beweglichkeit und einer verbesserten Lebensqualität verholfen werden.

Mann massiert mit seiner rechten Hand die schmerzende linkeage
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Vielfältige Behandlungsmöglichkeiten

Die Basis der Behandlung bildet in der Regel Physiotherapie oder Ergotherapie, welche die betroffenen Muskeln und Gelenke beweglich hält. Darauf aufbauend können spezielle tonussenkende Medikamente oder gezielte Injektionen mit Botulinumtoxin zum Einsatz kommen. „Wenn ich in der Untersuchung sehe, dass ein Gelenk nicht mehr frei beweglich ist, dass es Schmerzen bereitet oder die Pflege behindert, kann Botulinumtoxin eine gute Option sein“, meint Prof. Dr. Tobias Bäumer, Stellvertretender Leiter des Instituts für Systemische Motorikforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, in einem Interview mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. „Manchmal ist es auch so, dass es Patienten stört, wenn ihre Spastik deutlich sichtbar ist. Auch das ist ein nachvollziehbarer Grund.“ Darüber hinaus können Orthesen der Stützung, Fixierung und Entlastung der spastischen Körperregion dienen. In speziellen Fällen ist auch ein neuro-orthopädischer Eingriff, etwa eine Sehnenverlängerung oder -verkürzung, denkbar. Wichtig: Wird eine Spastik nicht wirksam behandelt, führt sie über längere Zeit zu weiteren Schädigungen mit körperlichen Folgen und dadurch zudem zu einem erhöhten Risiko für eine Depression.

Schon gewusst?

Spastiken können sich äußern durch:

  • erhöhte Eigenspannung der Muskulatur,
  • unwillkürliche Bewegungen: langsame, „schraubende” Bewegungen einer Gliedmaße; rasche, „zuckende” Bewegungen,
  • Schmerzen, die oftmals als „einschießend” bezeichnet werden, da sie sich sehr plötzlich und heftig an einer Gliedmaße entlang ausbreiten,
  • reduzierte Funktionsfähigkeit der betroffenen Gliedmaße(n),
  • fehlerhafte Koordination von Bewegungen, zum Beispiel durch Störungen des gezielten Greifens oder nicht symmetrische Bewegungsabläufe,
  • Körperfehlhaltungen bis hin zur Verformung von Knochen und Gelenken sowie
  • Erschöpfbarkeit und Kraftlosigkeit.

Quelle: https://schlaganfallbegleitung.de/folgen/spastik; letzter Zugriff: 31.07.2025