Zwei Menschen halten Hände, um sich Trost zu spenden

Tabuthema Tod

Raus aus dem Schattendasein

Zahlreiche Krankheiten sind tabubehaftet. Und selbst der Tod trägt dieses Etikett. Doch es gibt einen Gegentrend. Übers Sterben und den Tod zu reden, anstatt zu schweigen, wünschen sich laut einer Befragung immer mehr Menschen – auch weil es viele Probleme und Vorurteile aus dem Weg räumen würde. 

Tobias Lemser
· 2025
Erschienen in

Tabu

am 18. Juli 2025 in „Focus“
Vielleicht kennen Sie das Gesellschaftsspiel Tabu, bei dem die spielenden Personen versuchen, Begriffe zu beschreiben, ohne bestimmte Wörter zu verwenden? In der Gesellschaft geht es bei Tabus weniger um einzelne Begriffe, sondern um Verhaltensweisen oder Angelegenheiten, über die man...

Sich in Gesprächsrunden über die Gesundheit auszutauschen, ist heutzutage fast schon modern und durchaus gesellschaftsfähig. Welche Lebensmittel haben besonders viele Proteine? Inwieweit hilft Hyaluron bei Kniebeschwerden? Durch welchen Lebensstil kann ich mein biologisches Alter verringern? Themen, die Menschen in einen wahren Redeschwall versetzen können. Anders bei Blasenschwäche, HIV oder Geschlechtskrankheiten, die Betroffene lieber totschweigen würden – einfach weil es unangenehm und „privat“ ist, darüber zu sprechen. 

 

Jede zweite Person möchte in den eigenen vier Wänden sterben.

Gefährdetes Selbstwertgefühl

Tabuerkrankungen im Verborgenen zu halten, ist der weitaus einfachere Weg. Zu groß ist die Angst, bloßgestellt zu werden und einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Hinzu kommt: Wer an einer Tabukrankheit leidet, trägt meist eine schwere seelische Last mit sich herum und traut sich nicht, darüber zu reden. Und nicht nur das: Obwohl der Leidensdruck oft groß ist, suchen Betroffene mit ihrem „Tabuthema“ selten eine Ärztin oder einen Arzt auf.

Was auffällt: Insbesondere Männer neigen dazu, über bestimmte Leiden besser zu schweigen. Schließlich herrscht in unserer Wertegesellschaft noch immer das Bild vom „starken Geschlecht“. Nur ein gesunder Mann ist ein ganzer Mann. Besonders brisant: Wer eine „peinliche“ Krankheit verschweigt oder tabuisiert, verhindert, dass mit der Behandlung oder Therapie rechtzeitig begonnen werden kann. Mutig zu sein, sich zu öffnen und medizinische und/oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist der erste Schritt, um die Erkrankung in den Griff zu bekommen. Etwa HIV, das für viele Außenstehende noch immer mit Vorurteilen behaftet ist und für die Betroffenen selbst oft Scham mit sich bringt. Zum Glück gibt es inzwischen sehr wirkungsvolle Medikamente, um das Virus in Schach zu halten. Entscheidend ist jedoch, frühzeitig einem Verdacht nachzugehen.

Zum Tabuthema Tod mehr Gespräche führen

HIV, aber auch viele andere Tabuerkrankungen führen häufig dazu, sich aus Scham sozial abzukapseln – mit der Folge, zu vereinsamen. Dass soziale Isolation gravierende Folgen haben kann und sogar mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist, ist mehrfach belegt. 

Apropos Tod: Selbst das Lebensende und der Sterbeprozess sind mitten in der Tabuzone. Hilflosigkeit, Verzweiflung und Ängste sorgen dafür, die Gedanken über den Tod zu verdrängen. Kaum jemand möchte Gedanken an ihn an sich heranlassen, aus Angst, sie könnten uns zu sehr belasten. Dass es jedoch auch einen Gegentrend gibt, zeigt die nunmehr zum dritten Mal in Auftrag gegebene repräsentative Bevölkerungsbefragung des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV).1 Demnach wünschen sich 60 Prozent der rund 1.000 befragten Menschen in Deutschland eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Sterben. Untermauert wird diese These durch die hohe Zahl der Menschen, die nach eigenen Angaben eine Patientenverfügung haben. Waren es im Jahr 2012 noch 26 Prozent, stieg der Anteil 2022 auf 45 Prozent.

Checkliste

Vorsorge fürs Lebensende

Patientenverfügung: Welche Behandlungen wünsche ich – und welche nicht?
Vorsorgevollmacht: Wer darf für mich entscheiden, wenn ich es nicht mehr kann?
Betreuungsverfügung: Wen soll ein Gericht als Betreuer einsetzen (falls nötig)?
Notfallordner: Wichtige Informationen gebündelt (Diagnosen, Medikamente, Kontakte, Versicherungen, Passwörter/Zugänge nach Wunsch).
Testament: Nachlass regeln – auf Wunsch auch Testamentsspende (z. B. gemeinnütziger Zweck).

Tipp: Sprechen Sie mit Angehörigen über Ihre Wünsche und bewahren Sie die Unterlagen so auf, dass Vertrauenspersonen sie schnell finden (z. B. Notfallmappe/Ordner).

Würdevoll sterben

Befragt nach dem Ort, an dem sie sterben möchten, gibt jeder/jede Zweite die eigenen vier Wände an. Kaum jemand nennt das Krankenhaus oder Pflegeheim als bevorzugten Sterbeort. „In der Realität sieht das ganz anders aus, da stirbt weit mehr als die Hälfte der Menschen in einer dieser beiden Institutionen“, so Benno Bolze, Geschäftsführer des DHPV. Weitere Erkenntnis: Beim Gedanken an das eigene Sterben ist die Angst vor Schmerzen und Apparatemedizin rückläufig, was daran liegt, dass immer mehr Menschen mit Begriffen wie Hospiz und Palliativ etwas anfangen können. Laut Befragung wird das Sterben in einer Einrichtung der Sterbebegleitung als besonders würdevoll empfunden, vier von zehn Menschen möchten in einer solchen Einrichtung ihre letzten Stunden verbringen. Sich mit dem Tod zu beschäftigen, heißt auch festzuhalten, was im Erbfall passiert. Wer soll neben den Angehörigen noch etwas erben, oder soll gar alles einem besonderen Zweck zugutekommen? Stichwort Testamentsspende. Umso wichtiger, viele Tabuthemen aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Je mehr man über Tabus spricht, desto mehr trägt man zu einer Enttabuisierung bei – nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern auch vieler anderer!