Obst-Gemüse-Herz von zwei Händen gehalten, Sportausrüstung, Stetoskop sowie Aufnahmebogen
Ein gesunder Lebensstil umfasst eine Vielzahl von Gewohnheiten, die sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit fördern. iStock / Chinnapong

Volkskrankheiten

Mehr Prävention erforderlich

Einst waren es Infektionskrankheiten wie Cholera und Typhus – heutzutage breiten sich sogenannte Volkskrankheiten in den westlichen Industrieländern immer weiter aus. Was steckt dahinter? Und wie kann man ihnen begegnen?

Nadine Effert
· 2025
Erschienen in

Volkskrankheiten

am 1. Juli 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Ob Herz-Kreislauf-Krankheiten, Arthrose, Krebs oder Diabetes mellitus: Sogenannte Volkskrankheiten sind weit verbreitet und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Zudem stellt sich die Frage nach der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems und den Auswirkungen auf...

Wie entstehen Volkskrankheiten? Was begünstigt ihre Entstehung und Häufigkeit? Welche Rolle spielen unsere Gene? Welchen Einfluss haben Umwelteinflüsse, denen wir ausgesetzt sind, soziale Faktoren oder unser Lebensstil? Können wir uns vor Krankheiten schützen? Wie können sie frühzeitig erkannt werden? Dies sind Fragen, die Gegenstand der jetzigen Forschung sind. Denn über die Hintergründe der Entstehung und der Verbreitung von Volkskrankheiten ist längst noch nicht alles bekannt. Geläufig sind jedoch deren prominenteste Vertreter, die irgendwann im Leben zuschlagen können – seien es Diabetes Typ 2, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen beziehungsweise Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Rheuma, aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen. Die Nase vorn haben ganz eindeutig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, immerhin sind sie in Deutschland – vor Krebs – die häufigste Todesursache. 

 

Volkskrankheiten bleiben eine Herausforderung in der Gesundheits­forschung.

Risikofaktor Alter

Der Begriff der Volkskrankheiten ist nicht einheitlich definiert, umfasst aber Krankheiten, die aufgrund ihrer großen Verbreitung und wirtschaftlichen Auswirkungen von hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung sind. Volkskrankheiten verursachen eine hohe Krankheitslast in Form von Arbeitsunfähigkeit, krankheitsbedingten Fehlzeiten und Pflegebedürftigkeit. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind immens.

Bei vielen Volkskrankheiten nehmen die Erkrankungszahlen merklich zu, wie der Blick auf die Statistiken zeigt: So wird zum Beispiel bis zum Jahr 2050 ein Anstieg der Anzahl an Schlaganfällen um rund 62 Prozent erwartet. Was im ersten Moment besorgniserregend erscheint, ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht. Ein wesentlicher Risikofaktor ist nämlich in vielen Fällen das Alter. Dank der verbesserten Lebensbedingungen und der Fortschritte in der Medizin steigt die Lebenserwartung kontinuierlich. Im Jahr 2050, so Schätzungen, wird in Deutschland jeder Dritte 65 oder älter sein. Mit höherem Lebensalter nimmt auch die Zahl der Menschen zu, die an Volkskrankheiten leiden.

Grafik Prognose zum Anstieg von Volkskrankheiten bis 2030 und 2050 gegenüber dem Jahr 2007

Oft ist eine Volkskrankheit, die nicht nur die Gesundheit, sondern auch das tägliche Leben stark beeinträchtigen kann, Risikofaktor für eine andere. Wie etwa im Fall von beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen – genauer: hoher LDL-Cholesterinwert – in Bezug auf die Koronare Herzkrankheit (KHK). Ein krankes Herz wiederum erhöht das Risiko für einen Schlaganfall und Herzinfarkt. Bluthochdruck, von dem rund 20 Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind, steigert auch das Risiko für Demenz.

Letztendlich trägt aber auch jeder Einzelne von uns Verantwortung, denn die meisten gesundheitlichen Probleme sind hausgemacht. Ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Stress und Tabakkonsum gefährden die Gesundheit drastisch. Bei Krankheiten nach dem „Selbst schuld“-Prinzip spricht man von Zivilisationskrankheiten. Schätzungen zufolge beruht die Hälfte aller Todesfälle in Deutschland auf vermeidbaren Risiken. 

Forscher schaut in Mikroskop
Forschung hilft, Krankheiten zu verstehen und Behandlungen zu entwickeln. Bild: iStock / N. Jayawan

Intensive Forschung nötig

Unterm Strich bedeuten Volkskrankheiten eine enorme Herausforderung, nicht nur für die medizinische Forschung, sondern auch für die Gesundheitsversorgung und das Gesundheitssystem. Schon heute fallen Milliarden von Euro jährlich an. In puncto Forschung gilt es, zugunsten innovativer Strategien für die Diagnostik und Therapie zunehmend die Früherkennung und die Prävention von Krankheiten in den Fokus zu rücken. Dieser Aufgabe nehmen sich in Deutschland unter anderem die sechs „Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung“ an, die seit 2009 gegründet worden sind und an denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedensten Einrichtungen interdisziplinär zusammenarbeiten. Eines ihrer Ziele: Forschungsergebnisse künftig schneller in die medizinische Versorgung zu bringen.

Volkskrankheiten besser zu verstehen und bekämpfen zu können, das ist auch Ziel der NAKO-
Gesundheitsstudie, an der rund 200.000 Probanden seit 2014 teilnehmen. Im Rahmen der Langzeitstudie, die über 20 bis 30 Jahre läuft und alle zehn Jahre stattfindet, erfolgen regelmäßig eingehende Untersuchungen und Befragungen, deren Ergebnisse anonymisiert Ärztinnen und Ärzten in ganz Europa zur Verfügung gestellt werden. „Die Ergebnisse der zweiten Runde der NAKO-Studie liefern uns wertvolle Einblicke in die Gesundheit der deutschen Bevölkerung und helfen uns, Präventionsmaßnahmen zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Karin Michels, Direktorin des Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie des Universitätsklinikums Freiburg. Ein Ergebnis: Die 10-Jahres-Wahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Erkrankungen war bei Personen mit niedriger sozioökonomischer Position deutlich erhöht, besonders bei Frauen.

älteres Paar lachend beim Stretchen im Park
iStock/ClaudioVentrella

Neue Volkskrankheiten?

Regelmäßig publizieren Krankenkassen Daten, zum Beispiel über die Gründe für steigende Ausgaben und Krankheitstage. Schnell ist dann von einer „neuen Volkskrankheit“ die Rede. Doch muss dabei beachtet werden, dass mehr Krankheitstage nicht unbedingt automatisch mehr Kranke bedeuten und dass manche Beschwerden einfach häufiger diagnostiziert werden. So ist zum Beispiel die Sensibilität in der Bevölkerung und der Ärzteschaft für seelische Erkrankungen gestiegen. Doch ist die Zahl der Menschen mit zum Beispiel einem Burn-out-Syndrom tatsächlich gestiegen? Oder hat sich lediglich das öffentliche Bewusstsein verändert? Ob Modeerscheinung oder „echte“ Volkskrankheit – spielt das am Ende eine Rolle? Letzten Endes geht es um die Betroffenen, und die lassen sich schließlich nicht wegdiskutieren. Der „Vorteil“ von definierten Volkskrankheiten – im Gegensatz zu seltenen Krankheiten – ist, dass viel getan wird, um ihnen die Stirn zu bieten und steigende Patientenzahlen zu verhindern. Schließlich nutzen Fortschritte einer großen Masse an Menschen und helfen dabei, die Volksleiden in Zukunft einzudämmen.