Eine Frau atmet tief durch und sitzt dabei draußen.

Was ist Gendermedizin?

Eine einfache Form personalisierter Medizin

Männer und Frauen gleichbehandeln? Nicht in der Medizin. Das Gute: Die Gendermedizin beschäftigt sich gezielt mit der Erforschung und Behandlung von geschlechterbezogenen Unterschieden – und bietet damit die Chance auf eine bessere Gesundheit. 

Nadine Effert
· 2025

Gesundheit, Familie, beruflicher Erfolg – es gibt vieles, was Frauen, abhängig von ihrer jeweiligen Lebensphase, beschäftigt. In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich das weibliche Geschlecht da nicht vom männlichen Pendant. Wenn man auf die zahlreichen Studien zum Thema schaut, jedoch schon: So legen die meisten Frauen bekanntlich mehr Wert auf ihr Aussehen, wollen ihrem Alter entsprechend jung und frisch aussehen und haben ihre Figur im Blick. Frauen achten mehr auf ihre Ernährung, heißt es, und suchen bei Beschwerden frühzeitiger eine Arztpraxis auf. Wenn es um die Gesundheit geht, haben deutsche Frauen sogar im europäischen Vergleich die Nase vorn: 46 Prozent der 16- bis 59-Jährigen treiben regelmäßig Sport, jede Zweite geht in festen Abständen zu Vorsorgeuntersuchungen und achtet mit der Einnahme von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln auf eine optimale Nährstoffzufuhr. So lautet das Ergebnis des aktuellsten „Women’s Wellbeing Index“. So weit, so gut – und genau so weiter, bitte! Wofür es allerdings noch mehr Bewusstsein braucht, nicht nur in den Köpfen von Frauen, sondern grundsätzlich, sind geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Betroffenheit von Erkrankungen, deren Symptome und Verläufe sowie der Verträglichkeit und Wirksamkeit von Medikamenten.

Erschienen in

Ladies First!

am 27. Mai 2025 in „freundin“
Wussten Sie, dass Ihr Herz anders schlägt als das eines Mannes? Kennen Sie die besten Tipps, um Venen fit zu halten? Schon mal was davon gehört, dass Frauen häufiger von einer Gürtelrose betroffen sind? Oder sind Ihnen Ihre genetischen Vorteile für mehr Longevity bewusst?...
Ärztin und Patientin in der Sprechstunde

Medikamente: unterschiedliche Wirkung

Dass Frauen zum Beispiel oft unterschiedlich auf eine Behandlung mit Medikamenten ansprechen, liegt primär an anatomischen, physiologischen und hormonellen Faktoren. Dies führt unter anderem dazu, dass aufgrund einer langsameren Verdauung Tabletten bei Frauen um rund ein Drittel länger im Magen bleiben oder dass manche Arzneimittel stärker oder schwächer wirken, etwa allein durch die Einnahme der Antibabypille. Medikamente und Therapieverfahren sollten daher gleichermaßen an Frauen wie Männern erprobt werden, was bislang nicht der Fall ist. Ein Vorstoß in die richtige Richtung ist eine im Jahr 2022 in Kraft getretene EU-Verordnung, nach der alle Teilnehmenden einer klinischen Studie repräsentativ für diejenigen Bevölkerungsgruppen sein müssen, die das untersuchte Arzneimittel oder die Therapie anwenden werden. Erkranken zum Beispiel 80 Prozent Frauen an der Krankheit, sollen auch 80 Prozent der Studienteilnehmenden weiblich sein. 

Ärztin untersucht Blutdruck einer Patientin

Auf Vorsorge achten

Wichtig in der Gendermedizin ist ebenso der Blick auf die Hormone. Wenigen Menschen ist zum Beispiel bekannt, dass das weibliche Hormon Östrogen auch die Vermehrung von Immunzellen unterstützt oder das Herz schützt. Insbesondere die Wechseljahre, die bekanntlich jede Frau im Leben ereilen, bringen hormonelle Veränderungen mit sich, die das Risiko für bestimmte Erkrankungen erhöhen. Dazu gehören nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern etwa auch Osteoporose. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, um an Vorsorgeuntersuchungen zu denken. Dazu zählen die jährliche Krebsvorsorge bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt sowie das Mammografie-Screening alle zwei Jahre für Frauen ab 50. Alle drei Jahre steht der Gesundheits-Check-up an, bei dem es um die Früherkennung von Herz-Kreislauf-, Nierenerkrankungen und Diabetes geht. Nicht zu vergessen: die Hautkrebs- sowie Darmkrebsfrüherkennung sowie das Vorhandensein wichtiger Impfungen. Fakt ist: Vorsorge, Früherkennung und ein gesunder Lebensstil schützen die Gesundheit – und dies völlig unabhängig vom Geschlecht und in jedem Lebensalter. 

Grafik: Länder mit dem kleinsten Gender Health Gap
Schon gewusst?

Die Frauenbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren gab den Anstoß für die Thematisierung von frauengesundheitsbezogenen Themen und der Gründung von Frauengesundheitszentren. Heute existieren in Deutschland noch zwölf dieser spezifischen Anlaufstellen für Frauen und Mädchen mit Gesundheitsangeboten von A wie Atmung bis Z wie Zyklusstörungen.

Fazit: Was ist Gendermedizin?

Gendermedizin zeigt: Frauen und Männer unterscheiden sich in Symptomen, Krankheitsverläufen und der Wirkung von Medikamenten – und sollten entsprechend behandelt werden. Mehr Repräsentanz in Studien ist dafür ein wichtiger Schritt. Besonders rund um die Wechseljahre lohnt der Blick auf Hormone und individuelle Risiken. Wichtig bleibt: regelmäßige Vorsorge, ein gesunder Lebensstil und das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt.

Gender Health Gap
Menschen in Deutschland empfinden ein Ungleichgewicht.
60 Prozent

der Menschen in Deutschland finden es wichtig, geschlechtsbezogene Unterschiede in der Gesundheitsversorgung abzubauen.1

70 Prozent

der Menschen in Deutschland fühlen sich von Ärzten bei Gesundheitsproblemen (mindestens ab und an) nicht ausreichend ernstgenommen.

58 Prozent

der Befragten gehen davon aus, dass Frauen künftig weiterhin stark benachteiligt werden, wenn KI in der Medizin überwiegend aus Daten von Männern lernt.

59 Prozent

meinen, das Gesundheitssystem berücksichtigt zu wenig, dass Frauen anders erkranken als Männer.